Schlagwort-Archiv: Die

Absinthe – Die Wiederkehr der Grünen Fee

Absinthe - Die Wiederkehr der Grünen Fee

von Mathias Broeckers, Chris Heidrich und Roger Liggenstorfer

  • 94 Seiten
  • Nachtschatten Verlag
  • Erscheinungsdatum: 2006
  • ISBN-10: 3037881518

Im 18. Jahrhundert im Val-de-Travers (Neuenburg, CH) entdeckt, wurde Absinthe bald zum Modegetränk der Pariser Boheme und gelangte zu Weltruhm – bis die Grüne Fee Anfang des 20. Jahrhunderts in den meisten Ländern Europas verboten wurde und beinahe 100 Jahre im Untergrund überlebte. Dieses Buch zeichnet die Geschichte dieses „magischen“ Getränkes nach: von seinem Ursprung als Gesundheitselixier über die Bedeutung als Kultgetränk und „Treibstoff“ des Fin de Siecle und seiner Künstler – bis hin zum Verbot und den Mythen und Legenden, die bis heute erzählt werden. Und die dafür gesorgt haben, dass Absinthe – erst seit Kurzem wieder legalisiert – innert Kürze zu einem Szenedrink mit Kultstatus geworden ist.

Weitere Informationen & Kauf hier

Die Geschichte des Absinths

Geschichte absinthe absinth

 

 

Die Geschichte des Absinths

 

Die Schwestern Henroid warben 1769 in einer schweizer Zeitungsannonce für das Elixier “Bon Extrai d’Absinthe”, ein als Allheimlittel kreiertes Gebräu aus Alkohol, Wermut, Zitronenmelisse, Anis und weiteren Zutaten, welches eine belebende und gesundheitsfördernde Wirkung haben sollte.

 

Der französische Revolutionsflüchtling Dr. Ordinaire verbreitete das Mittel darauf hin, indem er das Rezept übernahm, welches dann auch aus der Schweiz exportiert wurde. Es war nämlich unbestreitbar, dass dieses Elixier, im Vergleich zu anderen Heilmitteln auf Alkoholbasis, die Gemüter durchaus auf eine sehr spezielle Art und Weise stimulierte. Bald darauf war der heute immer noch geläufige Name, „Grüne Fee“, geboren. Und damit hatte auch die Erfolgsgeschichte des Absinth als salonfaehiges Getränk begonnen. Die maßgebliche Beteiligung Dr. Pierre Ordinaires an der Verbreitung des Absinths ist bis heute noch dafür verantwortlich, dass weitläufigst geglaubt wird, er hätte ihn auch erfunden, wobei dies aber definitiv den Henroid Schwestern aus der Schweiz zugeschrieben werden muss.

 

Nahe der Jahrhundertwende began dann Henri Dubied und sein Schwiegersohn mit der Inbetriebnahme der ersten Absinthdestillerie. 1805 folgte Pernod mit seiner eigenen Produktion in Pontarlier. Flächendeckend muss man aber sagen, dass die industrielle Absinthproduktion vorerst keinen grossen Anklang beim Volk mit sich brachte, weswegen die Tagesproduktion bei Pernod zu diesen Zeiten gerade einmal auf lediglich 400 Liter begrenzt gehalten werden musste.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich dies aber schlagartig, zu der Zeit, als Frankreich gegen Algerien Krieg führte. Soldaten erhielten Absinthrationen zur Steigerung des Kampfpotentials, ebenso wude er zur Mikrobenbekämpfung eingesetzt. Als diese Truppen dann aus dem Krieg zurückkehrten, stieg die Bekanntheit und die Nachfrage nach Absinth innerhalb kürzesterZeit enorm an. Die im Vorigen erwähnte Produktion von 400 Litern pro Tag, konnte von Pernod auf 20.000 Liter täglich hochgefahren werden. Zu dieser Zeit eröffneten insgesamt über 20 neue Destillerien und der Absinth erreichte auch so gut wie alle anderen Kontinente dieser Welt.

 

Geschichte absinthe absinth

 

Frankreich blieb aber nach wie vor das Heimatland des Absinths. Nirgendwo war er so populär, wie hier. Ende des 19. Jahrhunderts genossen ihn alle Bevölkerungsschichten und auch zu jeder erdenklichen Tageszeit war ein Gläschen Absinth stets genehm. Die englische Tea Time am Nachmittag wurde schnell zur „l’heure verte“, der Grünen Stunde, zu welcher man jederorts in den Cafes beobachten konnte, wie Gläser mit grünem Inhalt, also Absinth, ausgeschenkt wurden.

 

Speziell bei Künstlern und Intellektuellen fand Absinth den grössten Zuspruch. Dieser Menschenschlag trank ihn nämlich nicht nur aus Gewohnheit, sondern experimentierte regelrecht mit seiner Wirkung und nutzte den Absinth als Inspirationsquelle und Muse. Die bekanntesten Absintheure dürften unter anderen wohl Picasso, Rimbaud, von Gogh, Gauguin und Oscar Wilde, gewesen sein. Zeugnisse dieser Beliebtheit des Absinths in diesen Kreisen sind zahlreiche Gedichte, Gemälde und Anekdoten, die den Absinth als Kernthema behandeln. Beispielsweise wird über die Werke von Toulouse-Lautrec behauptet, diese seien allesamt völlig in Absinth gemalt worden. Zum einen bezieht sich diese Legende natürlich darauf, dass Toulouse-Lautrec dem Absinth sehr angetan war und zum anderen darauf, dass viele seiner Bilder eine gewisse halluzinative Aura verbreiten, welche sicherlich auch auf den Absinthgenuss des Künstlers zurückgefuehrt werden kann. Letztendlich brachte ihm der exzessive Absinthgenuss auf der anderen Seite aber auch eine dreimonatige Entziehungskur ein. Der Dichter Verlaine bezog sich sogar mit seiner alltäglichen Grußformel auf den Absinthgenuss, der zu diesen Zeiten einen fester Bestandteil seines Lebens darstellte. Baudelaire, er verfasste den Gedichtband “Les Fleurs du mal”, färbte sich seine Haare grün, also in der Farbe des Absinths. Die wohl bekannteste Geschichte aus diesen Kreisen und im Bezug auf den Absinth dürfte wohl die sein, als sich van Gogh im Absinthrausch seine linke Ohrmuschel abschnitt, diese in einen Briefumschlag verpackte und den dann einer Hure übergab, mit den Worten, sie möge ihn gut bewachen.

 

Im späten 19. Jahrhundert stieg der Absinthkonsum dann noch einmal über das ungefähr Fünfzigfache an. Der Grund hierfür war, dass die Weinernten mehr und mehr durch Rebläuse vernichtet wurden und sich die Konsumenten nun mehrheitlich auf Absinth verlegten. Zudem wurde Absinth gleichzeitig für die Massen erschwinglicher, da nun von den Distillen auch billiger Industriealkohol verwendet wurde, da diese nicht mehr nur auf Branntwein zurück greifen konnten.

 

Dadurch stieg auch die Zahl der Absinthgegner rapide an. Wissenschaftler und Ärzte vermuteten ihn als den Grund fuer allerlei erdenkliche Übel dieser Epoche, von Epilepsie, ueber Syphillis, bis hin zum Wahnsinnn und der allgemeinen Kriminalität. Konservative und klerikale Kreise betitelten den Absinth als allgemeine Ursache für den Sittenverfall generell. Einer der bekanntesten Journalisten dieser Zeit fasste diese Umstände in folgendem Zitat sehr kurz aber bezeichnend zusammen: „Ich bin für Wein und gegen Absinth, so wie ich für die Tradition und gegen die Revolution bin.“

 

Egal ob in den Medien, der Politik oder in der Kirche, es fanden sich immer mehr Absinthgegner, die ihr Vorhaben, den Absinth zu verbieten, mit Nachdruck vorantrieben. Man versuchte sogar, Wein als Heil bringenden Ersatz für Absinth zu propagieren, obwohl man sich zu dieser Zeit auch der Problematik des Alkoholismus durchaus bewusst war. Jedoch konnte aber nie eine Mehrheit im Parlament gebildet werden, um den Absinth tatsächlich zu verbieten, was nicht zuletzt in den steuerlichen Einnahmen durch den Absinthverkauf begründet war. Wo man jedoch in Frankreich zuerst wirklich ansetzte, den Absinthkonsum zu unterbinden, war das Militär. Durch die ansteigenden Spannungen in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts fürchtete man nämlich, dass durch den massiven Absinthkonsum innerhalb der Streitkräfte die Verteidigungsfähigkeit der Nation in Gefahr stünde. Nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde dann ein landesweites Verbot erlassen, welches nicht zuletzt durch den Druck der Militärführung zustande kam. Lediglich wenige Monate später, im März 1915, wurde dann ein entsprechendes Gesetz verabschiedet und trat auch sogleich in Kraft, welches auch die Produktion und den Verkauf von Absinth illegalisierte. Parallel dazu wurde Absinth zu dieser Zeit auch in den USA und in einem Grossteil der anderen europäischen Staaten verboten. Auch wenn damals aktuell und weltweit eine ganze Welle prohibitorische Gesetze erlassen wurden, so ist das Absinthgesetz nach der Aufhebung der meisten Prohibitionen nicht mit aufgehoben worden, sondern blieb nach wie vor bestehen.

Geringe Mengen Absinth wurden weiterhin in Spanien oder Portugal hergestellt, wo er nie illegal war und deshalb weiter produziert werden durfte. Auch einige Schwarzbrennereien waren während dieser Zeit in Betrieb, vor allem in der französischen Schweiz, dem eigentlichen Herkunftsgebiet des Absinths. Seit 2003 ist die Absinthproduktion aber auch dort wieder legalisiert, woraus eine enorme Bereicherung für den Markt durch eine entsprechende Sortenvielfalt resultierte.